Editorial Heft 25

Was wir uns wünschen

Verehrte Leserinnen, verehrte Leser,

Mai 2000, ein Abenteuer beginnt: Die Nummer 1 der feldenkrais zeit erreicht ihre Leser. Auf dem Titelbild sehen wir den Künstler Alberto Giacometti mit nach vorn gebeugtem Gang eine Figur durch sein Atelier tragen. Andere typisch dünne Figuren stehen auf dem Boden. Das graue Titelbild ist unscharf. Im Heft lesen wir ein Zitat des Künstlers: Der Mensch „spürt sein eigenes Gewicht nicht. Ich möchte diese Leichtigkeit wiedergeben und deshalb habe ich meine Figuren so dünn gemacht.“

Zu verdanken haben wir das den Pionieren der Gründungsredaktion Dr. Werner Kraus (Österreich), Dr. Barbara Pieper, Sylvia Weise (Deutschland) und Konrad Wiesendanger (Schweiz). Die meisten Beiträge sind Übersetzungen alter Aufsätze von Dr. Moshe Feldenkrais.

So grau und unscharf war nur das Anfangsbild. Trotz mancher Widrigkeiten gelang es 25 Jahre lang, das Projekt am Laufen zu halten. Die Zeitschrift wurde bunter, die Themen – auch mit vielen Blicken über den Zaun – vielfältiger. Weder Figuren noch Themen wurden „dünn gemacht“, aber essayistische Leichtigkeit blieb bis heute für jede Redaktion Verpflichtung. Kamen anfangs hauptsächlich deutschsprachige Beiträge und Übersetzungen aus dem angelsächsischen Bereich, so gelang es mit den Jahren, Beiträge aus der gesamten Feldenkrais-Welt einzusammeln: von Frankreich bis Mexiko, von Italien bis Australien, von Finnland bis Argentinien. Im Lauf der Jahre wechselte der Verlag, stieg der deutsche Feldenkrais-Verband aus der unmittelbaren Unterstützung aus, merkten auch wir das Älterwerden und „Verschwinden“ vieler Abonnenten und immer wieder erneuerte sich die komplette Redaktion.

Mit dieser Jubiläumsnummer nach einem Vierteljahrhundert wollen wir uns bei allen Erwähnten bedanken, bei den unzähligen Beiträgern und nicht zuletzt bei allen über die Jahre treuen Lesern und Leserinnen.

Wir waren uns schnell einig, für die Nummer 25 in leider grausam krisenhafter Zeit das Thema Zukunft zu wählen. Wie wird die Feldenkrais Methode sich weiter entwickeln, wo werden wir in ein paar Jahren stehen? Deshalb fragten wir nach euren Visionen. Und bekamen einen bunten Strauß an Antworten, wie er vielfältiger nicht hätte sein können. Und weil wir uns nicht als Zensoren verstehen, sondern als Ermöglicher, bekamen wir vom optimistischen Blick in die Zukunft über die Sorge, das Wesentliche der Methode ginge verloren bis zur polemischen Fundamentalkritik alles zusammen. Wir hoffen, unseren Lesern gefällt diese Mischung und ist Anlass zu eigenem Nachdenken, zu Kritik wie Lob.

Wir werden hoffentlich alle weitergehen, manchmal unscharf und grau, dann wieder schärfer belichtet und bunt. Wir wünschen uns die gegensätzlichen Meinungen und hoffen, dass es eine Tugend von „gereiften“ Feldenkraislern sein möge, andere Meinungen, also die Vielfalt und die Variationen, dem einzig „Richtigen“ und dem einzig „Falschen“ immer vorzuziehen.

In diesem Sinne wünschen wir viel Spaß beim Lesen und werden uns über Reaktionen freuen.

Eure Redaktion

Journal für somatisches Lernen